Ukrainisch-russische Wechselbäder

Krise: Rückgänge im Tourismus da, massive Einbrüche aber erst erwartet

Wiesbaden (5.9.2014). Die Krise in der Ukraine trifft den Tourismus schwer, sowohl in den direkt beteiligten Ländern Russland und Ukraine als auch in den einzelnen Märkten Europas. Während etliche russische Reiseveranstalter schon im ersten Halbjahr insolvent gegangen sind, fürchten europäische Touristiker, dass das Geschäft mit den Russen im Westen erst im zweiten Halbjahr massiv einbrechen wird. Interessant der Blick auf die Investoren: Russen, die ihr Geld gerne noch anlegen möchten, etwas in Deutschland, ziehen ihre Pläne zurück – und manche beten sogar mit ihren deutschen Geschäftspartnern in Moskau gemeinsam um Frieden. Eine Situation zwischen Hoffen und Bangen, auf allen Seiten.

In Russland führen Sanktionen, geschwächter Rubel und die Aufforderung der Regierung an Polizisten und Sicherheitsbeauftragte, nicht mehr ins Ausland zu reisen, bereits zu deutlichen wirtschaftlichen Einbrüchen. Wie die „Moscow Times“ berichtete, meldete die nationale russische Fluggesellschaft Aeroflot im ersten Halbjahr 2014 einen Nettoverlust von 1,9 Milliarden Rubel (ca. 52 Mio. USD oder 39 Mio. EUR) und führt dies auf die Spannungen zwischen Moskau und dem Westen, verbunden mit dem Wirtschaftseinbruch Russlands, zurück.

Nach Recherchen der Zeitung war dies der allererste Verlust der Fluggesellschaft im ersten Halbjahr eines Jahres in ihrer Fluggeschichte überhaupt. Außerdem, so das Blatt weiter, sei inzwischen der vierte russische Reiseveranstalter innerhalb eines Monats pleite. Bereits im Juli habe Neva, einer der ältesten Reiseveranstalter des Landes, seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Darauf seien mehr als 6.000 Auslandsreisen abrupt abgesagt worden. Und im August schließlich habe der größte Reiseveranstalter Labyrinth seinen Betrieb eingestellt, worauf etwas 25.000 russische Reisende im Ausland strandeten, viele davon in Spanien und Griechenland.

Laut einem Bericht der „Mallorca Zeitung“ zog es letztes Jahr 8,6 % aller Russen, die nach Spanien reisen, auf die Insel. In dieser Saison spürt man hier einen Rückgang von 30 Prozent. Wesentlich mehr als Mallorca leide jedoch das spanische Festland, z.B. Katalonien. Aufs Festland hatte es vergangenes Jahr 62 Prozent der russischen Spanien-Urlauber gezogen.

 

Hotels und Boutiquen leiden

Auch Deutschland, Österreich und die Schweiz bekommen den Rückgang der russischen Gäste zu spüren. „In vielen Märkten hat man mühevoll russisches Geschäft aufgebaut, dieses hat nun einen starken Dämpfer erlitten“, sagt Martin Schaffer, Geschäftsführer bei der Beratungsgesellschaft MRP in Wien. „In Wien sind Gäste aus Russland drittstärkste internationale Herkunftsgruppe. Der Hotellerie-Umsatz ist im ersten Halbjahr um fünf Prozent eingebrochen. Der Einbruch für das zweite Halbjahr wird stärker ausfallen, da das erste Quartal aufgrund der späteren Weihnachten noch sehr gut war. Einen stärkeren Umsatz-Rückgang melden Luxus-Boutiquen in den Innenstädten, da vor allem dort weniger ausgegeben wird und diese Boutiquen überwiegend auf Gäste aus Russland und China/Japan ausgerichtet sind“.

„Die Zahl der Übernachtungen russischer Gäste in der Schweiz hat im ersten Halbjahr 2014 gegenüber derselben Periode des Vorjahres um sieben Prozent abgenommen. Bei den Ankünften belief sich der Rückgang auf 8,7 Prozent“, sagt Media Manager Daniel Hofer aus dem Schweiz Tourismus-Büro in Frankfurt und beruft sich dabei auf Informationen des Bundesamtes für Statistik (BSF).

Das Grand Resort Bad Ragaz spricht ebenfalls von einem dezenten Einbruch; Russen gehören zur Stammklientel des Spa- und Medizin-Resorts, sind bisher aber nur um knapp zwei Prozent zurückgegangen, berichtet Daniela Krienbühl, heute Direktorin der neuen Reha-Klinik und davor mitverantwortlich für die Gäste-Akquise im russischen Markt. Sie glaubt sogar: „Mit dem Embargo werden Russen, die reisen dürfen, noch mehr reisen, weil ihnen im Alltag viele Dinge – wie Nahrungsmittel – fehlen. Sie werden häufiger pendeln“.

 

München noch positiv

In München hat sich der Aufwärtstrend bei den Besucherzahlen aus Russland im zweiten Quartal 2014 deutlich abgeschwächt, man kann diesen aber noch mit Zuwächsen aus anderen Ländern ausgleichen. Nach einem starken Januar (+12,6 Prozent bei den Übernachtungen) und einem Februar und März auf Vorjahresniveau wurden im April und Mai 2014 Rückgänge von 14,2 und 21,7 Prozent bei den Übernachtungen registriert. Im Juni konnten allerdings wieder Zuwächse im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet werden (+4,9 Prozent bei den Übernachtungen).

Insgesamt zeigt die „Russen-Bilanz“ des ersten Halbjahres ein Minus von 2,5 Prozent bei den Übernachtungen. Eine finale Bewertung der Entwicklung auf dem russischen Markt ließen diese Zahlen noch nicht zu, heißt es aus München. Russische Gäste entschieden sich bisher nämlich vor allem in den Monaten November bis März für das Reiseziel München. „Was die Zusammenarbeit mit russischen Reiseveranstaltern angeht, konnten wir keine Veränderungen feststellen. Die Anzahl der eingehenden Anfragen zeugen von einem ungebrochenen Interesse and München“, sagt Karoline Graf aus der Pressestelle des Tourismus-Referats München.

Beim Thema „Russische Gäste in Deutschland“ richten sich die Blicke immer auch nach Baden-Baden. „Diese Stadt dürfte ein guter Gradmesser sein“, sagte Antje Zumsande von der Hotel-Immobilien Beratung Consilium Hotellerie aus Leonberg bei Stuttgart. „Man wird zum Jahresende anhand der Statistik erkennen, wieviel davon tatsächlich weggefallen ist. Aktuell können wir noch nichts sagen.“

Frank Marrenbach, Geschäftsführender Direktor von Brenner’s Park -Hotel & Spa in Baden-Baden, berichtet von einem Rückgang der Roomnights russischer und ukrainischer Gäste in den ersten acht Monaten des Jahres 2014 um 20 Prozent, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Die Mehrzahl dieser Gäste stamme dabei aus Russland. In Teilen konnte das Hotel den Rückgang mit Gästen anderer Nationalitäten ausgleichen. Allerdings erreichten diese werde die Aufenthaltsdauer noch das Ausgabeverhalten der Gäste aus Russland.

 

Investitionen: Verhandeln und beten

Wesentlich konkreter wird Zumsande, wenn es um das Investitionsverhalten der Russen in die deutsche Hotellerie geht. „Nicht wenige der russischen Bürger haben einen Großteil ihres Vermögens bereits ins westeuropäische Ausland transferiert“, sagt die. „Bei diesen merken wir keine Veränderung des Investitionsverhaltens. Die uns bekannten russischen Investoren für einzelne Hotels, welche noch in Russland leben und auch ihr Vermögen dort haben, sind seit März dieses Jahres sehr zurückhaltend.“ Sie argumentierten, dass man aus politischer Sicht nicht wisse, wohin die Reise gehen, und investierten daher aktuell bevorzugt in Afrika, insbesondere Marokko.

Zumsande weiß auch von russischen Kunden, die ganze Hotelgruppen in Westeuropa erwerben wollten und dann im Frühjahr alle einen Rückzieher machten. Beliebtester Absage-Grund seien bestehende Betriebsverträge mit westlichen Hotelgruppen. Diese brauche man nicht, man wolle bei einem Kauf auch selbst betreiben und könne dies. „Dem ist aus unserer Sicht keinesfalls so, denn in den allermeisten Fachbereichen steht das Knowhow der russischen Hotelgruppen um 20 Jahre zurück. Da ist man durchaus überrascht, mit welchem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein argumentiert wird“, erklärt Zumsande.

Gleichzeitig, so bedauert sie, konnten auch sämtliche „Investitionsmillionen“, die noch zu Jahresbeginn aus der Ukraine und aus dem Großraum St.Petersburg fest zugesagt waren, nicht mehr fließen. „Dort herrscht große Verunsicherung aufgrund der politischen Situationen. Man bekräftigt zwar immerzu, dass man Deutschland in jeder Beziehung sehr mag, doch die Amerikaner seien ihnen suspekt. Bei unserem letzten Treffen mit Vertretern der russischen Botschaft und eines Moskauer Energiekonzerns wurden wir sogar aufgefordert, gemeinsam für den Frieden zu beten.“

 

Ost-Investoren drängen u.a. nach Polen

Derart dramatische Erlebnisse gab es bei JLL Europa bisher nicht. „Wir sehen trotz des schwachen Rubels noch Interesse russischer Käufer an Hotel-Immobilien. Aber das Stimmungsbild ist natürlich getrübt“, sagt Geschäftsführerin Ursula Kriegl. Auch Christie + Co. hat laut Geschäftsführer Markus Beike bisher keine Veränderungen im Investitionsverhalten russischer Investoren festgestellt. „Diese Gruppe war aber bisher auch nicht sehr bedeutend für uns“, sagt er. „Unsere Kollegen in Polen weisen allerdings darauf hin, dass insbesondere feststellbar sind, die die Ukraine aktuell verstärkte Aktivitäten von ausländischen Investoren feststellbar sind, die die Ukraine verlassen und sich in Polen niederlassen.“

Martin Schaffer von MRP aus Wien weiß, dass russische Investoren auch heute noch häufig den Weg über zypriotische Zweckgesellschaften (SPVs) wählen. „Geld von russischen Investoren anzulegen, ist immer noch möglich. Aufgrund der strengen Compliance-Richtlinien, z.B. der österreichischen Finanzmarktaufsicht oder der Banken, wird es aber immer schwieriger, Geld in den Euro-Raum zu bringen“, sagt er. „Wir bei MRP hatten in letzter Zeit weniger Nachfrage von interessierten russischen Käufern, dafür aber eine starke Nachfrage von Investoren aus Kasachstan und Aserbaidschan, für die allerdings ähnliches gilt.“

Schaffer ist jedoch davon überzeugt, dass der Hotelmarkt in Russland weiter wachsen wird. „Die Inlandsnachfrage ist extrem hoch und die unsicheren Zeiten werden auch wieder vorbeigehen. In Moskau erwarten viele Experten in den nächsten zehn Jahren eine Verdopplung des Hotelangebots“, sagt er. Interessant sie in diesem Zusammenhang auch, dass es in der weißrussischen Hauptstadt Minsk erstmals seit langer Zeit ein internationales Hotel gebe, das Marriott gemeinsam mit Vienna International eröffne. „Der Tourismus in der Ukraine ist dagegen stark gebeutelt, Er ist de facto zum Erliegen gekommen“, erklärt er.

 

Artikel von Susanne Stauss (hospitality INSIDE.com)

 

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